Die Rückkehr zur DM und die wirtschaftlichen Folgen

Seit es die Alternative für Deutschland gibt, hat sich die DM-Wiedereinführung von einer Blogger-Spinnerei zu einer ernstzunehmenden politischen Option gemausert. Es ist im Moment zwar nicht davon auszugehen, dass so etwas in der nächsten Zeit tatsächlich passiert, andererseits, wenn es etwas gibt was uns die Euro-Krise gelehrt hat, dann ist es, wie schnell die Sachen, die noch gestern als undenkbar bezeichnet wurden, in einer Währungskrise Realität werden.
Höchste Zeit also für die Ökonomen ihre Modelle anzuwerfen und die wirtschaftlichen Folgen der Wiedereinführung abzuschätzen. Und der erste Wurf ist schon da – Ende April hat die Prognos AG eine Studie mit dem Titel Wirtschaftliche Vorteile der Euro-Mitgliedschaft für Deutschland vorgestellt, die ein lebhaftes Echo in den Medien gefunden hat. Wie bereits aus dem Titel zu erahnen ist, sieht die Studie eine Rückkehr zur DM als nachteilig für die deutsche Wirtschaft an und belegt es mit Hilfe eines Prognos-eigenen Wirtschaftsmodells, das in in der Studie leider nicht näher beschrieben wird.
Wie in einem solchen Fall nicht anders zu erwarten wäre, haben sich auch die Befürworter einer DM-Rückkehr zur Wort gemeldet und die Studie als wertlos abgetan. Neben einem Ökonomenstimme-Beitrag vom AfD-Mitbegründer Roland Vaubel, hat insbesondere dieser Beitrag von Ulrich van Suntum meine Aufmerksamkeit erregt. Der Grund ist, dass Herr van Suntum, neben der Kritik an mehreren Punkten der Prognos-Studie, die ich übrigens zum großen Teil teile, auch sein eigenes Modell vorstellt (nicht im Blog-Beitrag selbst, sondern in dem dazugehörigen Artikel), mit dem er das genaue Gegenteil der Prognos-These belegt haben will – nämlich, dass Deutschland bzw. deutsche Bevölkerung von einer DM-Wiedereinführung mehr oder weniger große Wohlfahrtsgewinne zu erwarten hat. Und weil das Modell erstens gut beschrieben und zweitens sehr einfach, um nicht zu sagen primitiv ist, eignet es sich hervorragend um eine leider wohlbekannte Tatsache zu illustrieren – nämlich, dass es sich zu jedem Standpunkt ein passendes Modell zurechtschnitzen läßt. Um das zu zeigen, werde ich im Folgenden zuerst das Suntum-Modell kurz beschreiben um dann ein paar Änderungen an diesem vorzunehmen, die seine Aussagen wieder erheblich relativieren.

Zuerst also zum Suntum-Modell, Zitat des Authors:

Wir betrachten zwei Länder, z.B. Deutschland (Land 1) und Italien (Land 2). Jedes Land produziert jeweils ein eigenes Güterbündel (X bzw.Y), konsumiert jedoch beide Güterbündel, so dass es zu Außenhandel kommt. Jedes Land hat jeweils eine eigene Währung (DM bzw. Euro) , wobei der Fall der Währungsunion durch einen festen Wechselkurs von 1 dargestellt werden kann. Beide Länder setzen Arbeit (A) als Produktionsfaktor ein, die anderen Produktionsfaktoren werden nicht explizit betrachtet. Der nationale Nominallohnsatz bestimmt gemäß der Grenzproduktivitätstheorie das nationale Beschäftigungsniveau.

Die Produktionsfunktionen haben eine für solche Modelle übliche Form:
\bf {X = {a_1}{A_1}^\alpha}
bzw.
\bf {Y = {a_2}{A_2}^\alpha}

Der Wechselkurs zwischen DM und Euro wird im Modell exogen bestimmt, was dazu führt, dass zuerst, wenn die Währungsunion noch besteht und der Wechselkurs 1 zu 1 ist, Land 1 positives Handelssaldo aufweist und Land2 entsprechend ein dazu spiegelbildlich negatives. Nach dem Ende der Währungsunion wertet die DM auf und das Saldo verschwindet.
Das letzte Zutat des Models ist die Nutzenfunktion (für Konsumenten beider Länder), für die eine Cobb-Douglas-Form angenommen wird:

\bf {U(x,y) = x^{\beta}y^{1-\beta}} – x,y sind dabei die Nachfrage nach (und das Angebot von, wir sind ja immer im Gleichgewicht) der Güter X und Y. Die Nachfrage wird in jedem Land durch Eigenproduktion des jeweils eigenen Gutes und durch den Import des „fremden“ Gutes befriedigt.
Die Cobb-Douglas-Funktion hat die überaus nützliche Eigenschaft, dass das Preisverhältnis der beiden Güter (das durch den Verhältnis des marginalen Nutzens bestimmt wird) umgekehrt proportional den nachgefragten Mengen ist, was die Berechnungen erheblich erleichtert:

\bf {\frac{p_x}{p_y}={\frac{\beta}{1-\beta}}{\frac{y}{x}}}

Aus der Produktionsfunktion kann wiederum der jeweilige Nominallohnsatz berechnet werden, dass laut Herrn van Suntum durch den Grenzwertprodukt der Arbeit bestimmt wird:

\bf {w_1={p_x}{a_1}{\alpha}{A_1}^{\alpha-1}}
\bf {w_2={p_y}{a_2}{\alpha}{A_2}^{\alpha-1}}

Nach einigen Umformungen und durchs Einsetzen von konkreten Parameterwerten kommt Herr van Suntum anschließend zu folgenden Ergebnissen:

  • Nach der Aufwertung bleibt der Nominallohnsatz im Land 1 (Deutschland) unverändert (daraus folgt wohl, dass es keinen Anlass gibt steigende Arbeitslosigkeit zu befürchten, selbst wenn man keynesianisch denkt)
  • Der Reallohn steigt aber, weil durch die Aufwertung der Preis des importierten Gutes Y sinkt.
  • Insgesamt fährt die Bevölkerung (sowohl Arbeitnehmer als auch Kapitaleigner) Wohlfahrtsgewinne ein

Alles in allem also sei eine solche Aufwertung eine positive Änderung für alle Beteiligten und sollte eher heute als morgen durchgeführt werden. Warum glaube ich das bloß nicht?
Nun, wie schon angedeutet, kommt es bei solchen Diskussionen sehr darauf an, welche Aspekte der realen Wirtschaft der Ökonom in sein Model aufnimmt und insbesondere welche er ausslässt. Um sein Ergebnis zu erreichen, hat Herr von Suntum einen für unsere Thema nicht unwichtigen Aspekt komplett ausgeblendet – die Tatsache nämlich, dass in einer realen Wirtschaft mehrere Güter produziert und nachgefragt werden. Wenn also die Auslandsnachfrage für die Exportgüter aufgrund einer Aufwertung ausfällt, wird sich die reale Wirtschaft nicht notwendigerweise sofort und ohne Probleme sich auf die neue Situation so einstellen, dass entweder die einheimischen Konsumenten in die Bresche springen (vielleicht wollen sie ja nicht) oder die Ressourcenallokation (Arbeitskräfte und Kapital) sich so verändert, dass mehr von den auf dem einheimischen Markt nachgefragten Gütern produziert wird. Wenn man eine Ein-Gut-Wirtschaft annimmt, wie Her van Suntum es tut, sind solche Probleme bequemerweise von vornherein ausgeschlossen.
Schauen wir uns also an, was passiert, wenn wir das Modell dahingehend verändern, dass Länder nicht nur ein sondern zwei Güterbündel produzieren – handelbare (Tradables) und nicht handelbare (Non-Tradables). Die Non-Tradables werden, wie der Name schon sagt ausschließlich für den internen Gebrauch produziert. Die Tradables dagegen werden sowohl intern produziert als auch ins Ausland verkauft, dabei tun wir einfachheitshalber so als ob,ökonomisch gesehen, die importierten und die im Land produzierten Tradables ununterscheidbar wären, beim Außenhandel geht es also nur darum die Vielfalt zu erhöhen. Und nun geht es zum Model-Formulieren, wobei wir uns nur af Land 1 (Deutschland) konzentrieren :

Die Produktionsfunktionen für Tradeables (Index t) und Non-Tradables (Index n):

\bf {Y_t = {a_t}{A_t}^\alpha}
bzw.
\bf {Y_n = {a_n}{A_n}^\alpha}

Die Nutzensfunktion für die Kombination von Tradeables (t) und Non-Tradables(n):

\bf {U(t,n) = t^{\beta}n^{1-\beta}}

Das Preisverhältnis der beiden Güter:

\bf {\frac{p_n}{p_t}={\frac{\beta}{1-\beta}}{\frac{t}{n}}}

Der Nominallohnsatz:

\bf {w={p_n}{a_n}{\alpha}{A_n}^{\alpha-1}={p_t}{a_t}{\alpha}{A_t}^{\alpha-1}}

Bis hierher ist es also sehr ähnlich dem van-Suntum-Modell. Wir nehmen jetzt ferner an, dass die Wirtschaft sind im Gleichgewicht befindet, so dass Angebot und Nachfrage sich decken. Der jetzt noch einzuführende Schlüsselparameter r unseres Modells ist das Verhältnis der Menge der im Land konsumierter zu der Menge der im Inland produzierter Tradeables. Ist r kleiner 1, hat das Land ein positives Handelsbilanzsaldo, bei r größer 1 negatives, und schließlich bei r=1 ist die Handelsbilanz ausgeglichen.
Falls die Rückkehr zur DM überhaupt Sinn machen sollte, dann um die permanenten Handelsungleichsgewichte innerhab der EWU zum Verschwinden zu bringen. Wir modellieren also einen Übergang im Land 1 von r kleiner 1 (im Beispiel r=0,9) zu r=1. Nach einigen Umformungen kommt man zum folgenden Ausdruck für das Verhältnis der Beschäftigtenzahlen im Tradeables- und Non-Tradeables-Sektor:

\bf {\frac{A_n}{A_t}={\frac{\beta}{1-\beta}}r}

Das heißt also, dass wenn r plözlich, aufgrund einer Aufwertung plötzlich ansteigt, eins von zwei Dingen (oder eine Kombination) passieren muß. Entweder sind die Arbeitnehmer und die Unternehmen so flexibel, dass ein Teil der Arbeitskräfte aus dem Tradables ins Non-Tradable-Sektor wechselt, so dass das Gleicgewicht wiederhergestellt wird. In diesem Fall wird aber auf jeden Fall der Nominallohn absinken, anders als im van Suntum-Modell. Oder aber, die Arbeitnehmer sind örtlich oder fachlich komplett unflexibel und/oder die Löhne starr. In diesem Fall werden die überschüssigen Arbeitskräfte im Tradables-Sektor einfach freigesetzt – es entsteht Arbeitslosigkeit.

Es bleibt nur noch ein Beispiel mit konkreten Parameterwerten anzuschauen. Zunächst die Werte für die festen Parameter der Land 1 – Wirtschaft:

Non-Tradables Tradables Gesamt
Produktionsfunktionsparameter a 1,0 1,1
Produktionsfunktionsparameter \alpha 0,5 0,5
Arbeitskräftepotential 20.000
Nutzensfunktionsparameter \beta 0,5 0,5

Und jetzt schauen wir uns an, was in diesem Beispiel passiert, wenn der r-Parameter sich plötzlich von 0,9 auf 1 springt, wodurch der Handelsbilanzüberschuß, wie oben erklärt, verschwindet. Folgende Tabelle beschreibt die Veränderungen der volkswirtschaftlichen Kenngrößen zwischen dem Anfangszustand mit r=0,9 und zwei Folgezuständen mit r=1. Im Folgezustand 1 findet eine Umverteilung der Beschäftigten zwischen den beiden Sektoren statt, verbunden mit dem Absinken des nominellen Lohn-Niveau, während im Folgezustand 2 stattdessen die „überflüssigen“ Beschäftigten im Tradable-Sektor entlassen werden.

Anfangszustand Folgezustand 1 Folgezustand 2
Beschäftigung Tradables-Sektor 10.526 10.000 9433
Beschäftigung Non-Tradables-Sektor 9733 10.000 9733
Output Tradables-Sektor 9733 10.000 9733
Preis Non-Tradables 1,00 DM 1,00 DM 1,00 DM
Preis Tradables 0,96 DM 0,91 DM 0,91 DM
Nominallohnsatz 0,51 DM 0,50 DM 0,51 DM
Nominallohnsatzveränderung -2% 0%
Arbeitslosigkeit 0% 0% 2,6%

Wie angekündigt, sind in diesem Modell die Ergebnisse weit weniger eideutig als im Eitel-Sonnenschein-Modell von Herrn van Suntum. Wir haben hier zwei Szenarios, von denen wir nicht wissen welches eintritt (es kann und wird wahrschenlich eine Mischung von beiden sein). In ersten Szenario sinkt der Nominallohn um 2%, wobei ehrlicherweise gesagt werden muß, dass dies aufgrund des sinkenden Tradables-Preises eine doch eine reale Lohnsteigerung bedeutet (aber ob die Arbeitnehmer das dann genauso empfinden?). Im zweiten Szenario sinkt der Lohn nicht, dafür aber steigt die Arbeitslosigkeit sprunghaft an – von 0% auf 2,6%. Basierend auf diesem Modell können wird jedenfalls die Frage „Würde eine Wiedereinführung der DM Arbeitsplätze kosten“, anders als Herr van Suntum in diesem, inzwischen erschienenen, Video-Beitrag zum gleichen Thema mit einem „wahrscheinlich ja“ beantworten, weil das Modell eben trotz seiner Primitivität die Arbeitslosigkeit zumindest grundsätzlich zulässt.

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2 Antworten zu “Die Rückkehr zur DM und die wirtschaftlichen Folgen

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