Die Europäische Währungsunion ist einzigartig

Robert Heusinger verweist in einem Kommentar auf Herdentrieb auf einen Voxeu-Artikel von Michael Burda, in welchem Herr Burda, wie in seinem Vorschlag zur EZB-Reform (siehe auch den letzten Betrag von mir), für die Abschaffung der nationalen Zentralbanken innerhalb des Eurosystems eintritt. Und als Zeugen zieht er niemand geringeren heran als David Hume, einen schottischen Ökonomen, der Ende des achtzehnten Jahrhunderts einen Mechanismus beschrieb, welcher später als Goldautomatismus bekannt wurde und den Herr Burda Hume-Mechanismus nennt. Definition aus Wikipedia:

Unter Goldautomatismus wird ein automatischer Ausgleichsmechanismus für die Zahlungsbilanzen im Handelsverkehr zwischen Ländern mit Goldwährung bzw. goldgedeckten Währungen verstanden. Das insbesondere von David Hume vorgeschlagene Konzept kam z.B. während der Geltungsdauer des sog. Goldstandards bis 1914 zum Einsatz.

Herr Burda beanstandet in seinem Artikel, dass der Hume-Mechanismus in der Eurozone nicht funktioniert, Zitat:

In principle, the vaunted “Hume mechanism” should operate within the Eurozone. Countries which export less than they import should lose euros to surplus countries, unless offset by private capital inflows.

In a world without national boundaries and without national central banks, balance-of-payment deficits cannot occur – current-account deficits are always financed by private capital.

Was Herr Burda zu erwähnen vergisst, Hume lebte im 18 Jahrhundert, und damals, wie auch später, bis frühestens 1914, waren alle Währungen an Edelmetalle gebunden, was speziell bedeutete, dass keine Institution und kein Land in der Lage waren die Geldbasis willkürlich zu vergrößern. In einer solchen internationalen Geldverfassung funktioniert der Hume-Machanismus tatsächlich, und zwar durch die von Hume beschriebene Wirkungskette:
Handelsdefizit -> Edelmetalabfluß -> Sinken der Geldmenge -> Deflation inkl. Lohnabsenkung -> Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und Verschwinden des Handelsdefizits
Dummerweise leben wir in einem Fiatgeldsystem in welchem die Größe der Geldbasis durch eine damit beauftragte Zentralbank, in der Eurozone ist es die EZB, festgelegt wird. Das von Burda beklagte Nicht-Funktionieren des Hume-Mechanismus ist damit eine direkte Konsequenz der Fiateigenschaft von Euro und hat nichts aber auch gar nichts mit der weiteren Existenz der nationalen Zentralbanken zu tun, die im übrigen im Eurosystem keine eigene Geldpolitik verfolgen (dürfen) sondern nur als Ausführungsorgane der EZB agieren.
Damit wäre alles zum Burda-Artikel gesagt, im Wesentlichen werden in diesem Äpfel (Edelmetal-Standard) mit Birnen (Fiatgeldsystem) verglichen. Aber die vorausgegangenen Argumente schaffen einen hervorragenden Einstieg in das eigentliche Thema dieses Beitrags – die Einzigartigkeit der Europäischen Währungsunion.
Vor einiger Zeit gab in der Presse einige Artikel (z.B hier), in welchen die EWU mit einigen anderen früher existierenden Währungsverbunden gleichgesetzt wurde, ganz speziell mit der Lateinischen Münzunion (LMU). Diese Gleichsetzung beruht jedoch auf einem Mißverständnis, denn obwohl sowohl EWU als auch LMU als „Währungsunion“ bezeichnet werden, bestehen zwischen den dahinter stehenden Mechanismen grundlegende Unterschiede. Das bescheidene Ziel der LMU war die Prägung der Edelmetallmünzen, an welche die beteiligten Papier-Währungen gebunden waren, zu standardisieren um eine bessere Konvertierbarkeit der besagten Währungen untereinander zu ermöglichen. Zu keinem Zeitpunkt jedoch haben die Länder der LMU ihre eigenen Zentralbanken inklusive der eigenen Geldpolitik aufgegeben, obgleich dieser Geldpolitik durch die Edelmetallbindung natürliche Grenzen gesetzt wurden. In diesem Sinne unterschied sich die LMU kaum vom nachfolgenden Goldstandard, auch wenn Goldstandard niemals meines Wissens als „Währungsunion“ bezeichnet wurde.
Ganz anders ist die EWU. Zum einen basiert sie auf einem Fiatgeldsystem. Daher wäre es nicht möglich, dass die beteiligten Länder ihre eigenen Zentralbanken behalten, zu groß wäre die Gefahr, dass die Länder versuchen Vorteile aus der autonomen Geldbasisvergrößerung zu ziehen. Ein solches System hat es tatsächlich schon einmal kurz gegeben – ich spreche von der postsowjetischen Rubelzone, und diese war nach weniger als drei Jahren zu Ende (ich selbst war übrigens dabei und kann mich noch daran erinnern:-)). Daher war es nur logisch, den nationalen Zentralbanken der Eurozone die Kompetenz für die Geldpolitik zu entziehen und an eine übernationale Zentralbank zu übertragen – die Europäische Zentralbank.
Fazit: die EWU ist die erste Fiatgeld-Währungsunion und die EZB die erste übernationale Zentralbank der Geschichte. Wir leben also in einem historischen Experiment, dessen Ausgang im Moment noch völlig offen ist.

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4 Antworten zu “Die Europäische Währungsunion ist einzigartig

  1. @Saldenmechanik
    Können die beteiligten Länder nicht doch autonom die Geldbasis
    vergrößern ? Das Target-2 System ist doch im Prinzip nicht anderes, außerdem gibt es die Möglichkeit der ELA-Kredite für Banken. In Irland
    wurden sie sogar zur Staatsfinanzierung benutzt ( siehe FAZ http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/irland/kommentar-monetaere-staatsfinanzierung-in-irland-12060497.html ). Ich denke soweit ist der Schritt zur Rubelzone gar nicht mehr. Oder was meinen Sie ?

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