Saldenmechanik und Schulden

Stefan Dudey von Flassbeck Economics macht sich über diesen Kommentar in der FAZ lustig. Nun, ich bin selbst nicht immer glücklich über das Niveau des FAZ-Wirtschaftsresorts, speziell die letzten großen Themen Vollbeschäftigung und EZB-Vermögensstudie hätten nach meinem Geschmack eine tiefere Analyse verdient. Ich verstehe aber, dass eine Tageszeitung nun mal keine Fachzeitschrift ist, so dass gewisse Abstriche gemacht werden müssen, allein schon um den Unterhaltungswert nicht gegen null absinken zu lassen. Auf der anderen Seite lese ich immer wieder gerne Flassbeck Economics, speziell Heiner Flassbeck, der Namensgeber und einer der Autoren, ist meines Wissens der einzige namhafte Ökonom in Deutschland (vielleicht sogar auf der ganzen Welt), der das Saldenmechanik-Framework von Wolfgang Stützel regelmäßig in die wirtschaftspolitische Debatte einbringt. Da mein Blog den Namen Saldenmechanik trägt, ist es keine große Überraschung, dass ich dies positiv sehe, zumal ich selbst über diesen Artikel von Herrn Flassbeck auf die Saldenmechanik gestoßen bin, bevor ich das Buch selbst gekauft und gelesen habe.
Zuletzt jedoch drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Blogger bei Flassbeck Economics inzwischen die Saldenmechanik als eine Art Keule benutzen, um die strittigen Thesen, die nicht in ihr wirtschaftspolitisches Konzept, welches zwar die Saldenmechanik mit einschließt aber keineswegs darauf beschränkt ist, passen, für logisch inkonsistent zu erklären.
So ist es auch mit dem oben genannten Beitrag von Stefan Dudey. Herr Dudey nimmt Anstoß an der Zusammenfassung aus dem FAZ-Artikel, in der es wörtlich heißt:

Man muss ja nicht viel von den gan­zen Finanz­kri­sen der letz­ten Jahre ver­stan­den haben, um doch wenigs­tens eine Ursa­che klar iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen: zu viele Schul­den bei Unter­neh­men ein­schließ­lich Ban­ken, bei Pri­vat­leu­ten und bei den Staaten

Anschließend kommt dann folgende Aussage von Herrn Dudey:

Offen­bar kann es gar nicht oft genug wie­der­holt wer­den, dass zu jedem Schuld­ner ein Gläu­bi­ger gehört. Auch wenn die Wirt­schafts­re­dak­tion der FAZ das viel­leicht für ein Mär­chen hält: Eine Welt, in der die Unter­neh­men und die Ban­ken und die Pri­vat­leute und die Staa­ten zu viele Schul­den haben, gibt es nicht — schon aus logi­schen Gründen.

Da reibt man sich als Saldenmechanik-Fan verwundert die Augen. In der Tat sagt uns die Saldenmechanik, dass, weil zu jedem Kreditor ein Schuldner gehört, die Summe aller Geldvermögen in einer geschlossenen Volkswirtschaft 0 ergibt. Hierbei werden Geldvermögen als Geldforderungen abzüglich der Geldverbindlichkeiten (Geldschulden im allgemeinen Sprachgebrauch) definiert. Dieser Zusammenhang ist unstrittig und vermutlich auch den Wirtschaftsjournalisten der FAZ durchaus geläufig. Wenn man jedoch den Kerngedanken des FAZ-Artikels verstehen will, sollte man einen anderen Begriff der Saldenmechanik verwenden, nämlich die sogenannte volkswirtschaftliche Bruttokreditsumme. Ich zitiere aus dem Saldenmechanik-Buch:

Die Summe aller Aktiva in den Zahlungskontenbilanzen aller Wirtschaftssubjekte ist gleich der Summe aller Passiva in den Zahlungskontenbilanzen aller Wirtschaftssubjekte… Wir bezeichnen die genannte Summe aller Zahlungskontenbilanzen „volkswirtschaftliche Brutto-Kreditsumme“.

Während das Gesamtgeldvermögen einer (geschlossenen) Volkswirtschaft also stets 0 ist, gilt es für die volkswirtschaftliche Brutto-Kreditsumme keineswegs, vielmehr schwankt diese Größe im Laufe der Zeit. Einige post-keynesianische Ökonomen, die in der Tradition von Hyman Minsky stehen, sehen in diesen Schwankungen die Ursache für die wirtschaftlichen Boom-Bust-Zyklen und genau darauf spielt der FAZ-Artikel meiner Meinung nach an. Auf folgender Grafik die Entwicklung der volkswirtschaftliche Brutto-Kreditsumme für die USA in den Jahren 1982-2011:

total-us-debt-82-2012

Wie man sieht, hat sich die Bruttokreditsumme in den Große-Moderation-Jahren 1982-2009 beinahe verdoppelt, dann kam die große Rezession und die Summe ist wieder leicht gesunken. Die genauen Ursachen für dieses Phänomen sind natürlich strittig, aber nicht wenige halten, neben der finanziellen Deregulierung, die Greenspan-FED für schuldig, die seit Ende der 1990-Jahre die Zinsen zu niedrig gehalten hätte. Genau das sagt uns der FAZ-Artikel. Natürlich kann man diese These auch falsch finden, logisch inkonsistent ist sie aber nicht.
Daher ein Rat an Herrn Dudey – wenn man jemand anderem „intel­lek­tu­el­les Armuts­zeug­nis“ vorwirft, sollte man aufpassen, ob man nicht gerade selbst welches abliefert.

Nachtrag:

Um der Wirtschaftsredaktion der FAZ den letzen Stoß zu geben zieht Herr Dudley übrigens ein Vergleich mit der Sportsredaktion:

Würde ein Jour­na­list vom Büro nebenan, also in der hoch­ge­lob­ten Sport­re­dak­tion der FAZ, eine schöne neue Welt her­bei­phan­ta­sie­ren, in der ab der nächs­ten Sai­son jede Mann­schaft der ers­ten Bun­des­liga jedes ihrer 34 Spiele mit 3:0 gewinnt … er würde wohl ent­las­sen werden.

Und wie das so mit Vergleichen ist, zieht dieser leider überhaupt nicht. Um im Bild zu bleiben, die Journalisten fordern keineswegs, das jede Mannschaft 3:0 gewinnen soll, sie wünschen sich schlicht, dass mehr Tore geschossen werden.

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Eine Antwort zu “Saldenmechanik und Schulden

  1. Pingback: Der Mindestlohn und die Grenzproduktivitätstheorie | Saldenmechanik

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