Vollbeschäftigung, NAIRU und der demografische Wandel

Via Wirtschaftswurm bin auch auf diesen Artikel in der FAZ aufmerksam geworden, der offenbar ein Teil einer ganzer Serie, und der dazugehörigen Blogparade, zum Thema Vollbeschäftigung ist. Im Artikel argumentiert Patrick Bernau, seines Zeichens Wirtschaftredakteur der FAZ und damit jemand, der sich auskennen sollte, dass die deutsche Volkswirtschaft erneut auf einen Vollbeschäftigungszustand zusteuert wie weiland in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Grund ist, laut Herrn Bernau, der anstehende (bzw. schon stattfindende) demografische Wandel durch welchen relativ starke Jahrgänge demnächst in die Rente gehen und relativ schwache Jahrgänge nachrücken, so dass die, in der Vorstellung von Herrn Bernau offenbar fixe, Anzahl von Arbeitsplätzen auf weniger Bewerber zu verteilen ist. Es ist nicht überraschend, dass ich diese Art Analyse wenig überzeugend finde, wir haben in Deutschland nun mal keine Planwirtschaft sondern eine Marktwirtschaft und eine solche wird, denke ich, schon anpassungsfähig genug sein um auf das sinkende Arbeitskräftepotential zu reagieren, genauso übrigens, wie sie in der Vergangenheit auf das steigende Arbeitskräftepotential reagierte.

Nachdem ich den Artikel also als wenig fundiert abgetan habe, wollte ich wissen was die akademische Volkswirtschaftslehre zum Thema Vollbeschäftigung und demografischer Wandel speziell im deutschen Kontext zu sagen hätte. Die Ergebnisse sind überraschend, bevor ich aber dazu komme, möchte ich zuerst den Gegenstand der Diskussion konkreter definieren. Was heißt eigentlich Vollbeschäftigung? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, ob man einen Normalsterblichen oder einen akademischen Ökonom fragt. Ein Normalsterblicher stellt sich darunter schlicht einen Zustand einer Volkswirtschaft mit einer verschwindend kleiner Arbeitslosenquote nahe an 0%. Für einen Ökonomen hingegen gilt eine Volkswirtschaft dann als vollbeschäftigt bzw. vollausgelastet, wenn die Arbeitslosenquote gleich der sogenannten inflationsstabilen Arbeitslosenquote ist, welche besser unter ihrem englischen sperrigen Akronym NAIRU bekannt ist. Wie der Name schon sagt, ist NAIRU die Arbeitslosenquote, die mit einer stabilen Inflationsrate kompatibel ist. Fällt die tatsächliche Arbeitslosenquote darunter, beginnt die Inflationsrate zu steigen und umgekehrt. Ergo kann sich die tatsächliche Arbeitslosenquote laut Theorie nie dauerhaft unter oder über der NAIRU bewegen, sondern schwankt immer um diese herum – andernfalls würden wir Hyperinflation oder sich beschleunigende Deflation (sagt man eigentlich Hyperdeflation?) erleben. Allerdings ändert sich NAIRU im Laufe der Zeit selbst und ist auch aufwendig zu schätzen, so dass die Anwendung des Konzepts in der Praxis mit gewissen Schwierigkeiten verbunden ist. Hier folgt nichtsdestotrotz eine Schätzung für Deutschland für die Jahre 1970-2007, die aus der Feder des Sachverständigenrats für Wirtschaft stammt:

NAIRUDeutschland

Man sieht nun dass in den Jahren 2003/2004 „Vollbeschäftigung“ im ökonomischen Sinne schon bei einer Arbeitslosigkeit von mehr als 10% herrschen würde, kaum etwas, was sich ein gemeiner Mann unter Vollbeschäftigung vorstellt. In den goldenen sechszigern hingegen lag NAIRU bei 2,5 %, was dem Ideal schon wesentlich näher kommen dürfte.

Wenn nun Herr Bernau den kommenden Vollbeschäftigungsparadies verkündet, dann meint er, in die Ökonomensprache übersetzt, dass die NAIRU aufgrund von demografischen Änderungen, verglichen mit dem heutigen Zustand noch erheblich sinken wird (nachdem sie schon, laut dem Sachverständigenrat, durch Agenda 2010-Reformen, signifikant niedriger geworden ist als noch zu Anfang der letzten Dekade). Stimmt das aber? Was sagen die Ökonomen über die Faktoren, die zeitliche Änderungen der NAIRU bewirken. Eine gute Übersicht hierzu, wie auch zu allen NAIRU-bezogenen Themen, liefert dieser Artikel von Laurence Ball und Gregory Mankiw (ja, der mit dem VWL-Grundstudiumlehrbuch). Laut Mankiw und Ball können demografische Veränderungen in der Tat Änderungen der NAIRU bewirken, das Zitat dazu:

In seeking to explain the evolution of the NAIRU, a number of authors point to a particular type of shift: the changing age structure as the baby boom generation has moved through the labor force. The proportion of the labor force aged 16 –24 rose from 17 percent in 1960 to 24 percent in 1978 as the baby boomers entered the labor force as young workers, and this percentage fell to 16 percent in 2000 as the boomers have aged. These trends are potentially important because young workers have higher unemployment rates than older workers

Und jetzt kommt die versprochene Überraschung – Ball und Mankiw (und viele andere) erklären die Wirkung der demografischen Änderungen auf die NAIRU-Höhe durch die Änderung der Altersstruktur der Arbeitnehmerschaft. Das Sinken der absoluten Zahl der Arbeitnehmer spielt dagegen keine Rolle, zumindest gibt es dazu offensichtlich keine Modelle (vielleicht kennt Herr Bernau welche). Während aber die Änderung der Altersstruktur sich in den USA positiv auswirkt, weil der Anteil der jungen Arbeitnehmer sinkt, die in den USA traditionell eine höhere Arbetslosenquote haber als ältere Jahrgänge, wird sich in Deutschland dieser Effekt, wenn überhaupt, negativ auswirken, weil hierzulande bekanntlich, und darum beneidet uns die ganze Welt zurecht, die jungen Arbeitnehmer eine niedrigere Arbeitslosenquote haben.

Fazit: Von der demografischen Front haben wir also in Punkto Vollbeschäftigung, anders als Herr Bernau meint, eher negatives zu erwarten – zumidest wenn man die makroökonomischen Theorien anwendet.

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2 Antworten zu “Vollbeschäftigung, NAIRU und der demografische Wandel

  1. Interessante These. Allerdings müsste man mal den Zusammenhang zwischen Alter und Arbeitslosigkeit genauer herleiten. Das scheint ja auch nicht statisch zu sein. So ist in den letzten Jahren in Deutschland z.B. die Arbeitslosigkeit unter Älteren besonders stark gesunken.

    • Ja, ich denke auch, dass der Zusammenhang nicht statisch ist. Allerdings ist meine Meinung, dass das Absinken der Arbeislosigkeit unter den Älteren nicht von alleine eingetreten ist, sondern als Folge von Politikveränderungen – Hartz 4, Ende von Frühverrentungen etc. Das heißt man muss die Alterstruktur der Arbeislosigkeit schon aktiv ändern um den negativen Änderungen der NAIRU entgegenzuwirken. Ruht man sich hingegen aus und wartet auf sicher kommende Vollbeschäftigung, kann es böse enden.

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