Die EZB und der Leitzins

Nun diskutiert alle Welt darüber ob die EZB den Leitzins senken sollte, sogar unsere Kanzlerin gibt ihren Senf dazu,  und ich sitze hier und wundere mich. Meiner Meinung nach ist die ganze Diskussion im Moment reichlich bedeutungslos und rührt vor allem daher, dass die meisten Teilnehmer anscheinend nicht ganz verstehen was der Begriff Leitzins im Allgemeinen und speziell im Bezug auf die EZB eigentlich bedeutet.  Denn, worum geht es eigentlich in der Geldpolitik, die im Euroraum in der Verantwortung der EZB liegt? Dazu mal ein Zitat von Ulrich Bindsell, einem ziemlich bekannten Mitarbeiter der EZB:

Monetary policy implementation is about steering the short end of the yield curve, which, together with adequate communication on future policies, impacts on medium and long-term interest rates via the expectations hypothesis of the term structure of interest rates.

Auf Deutsch: eine Zentralbank steuert kurzfristige Geldmarktzinsen und nimmt dadurch Einfluß auf mittel- und langfristige Zinsen und damit letztendlich auf makroökonomische Variablen wie Inflation oder Beschäftigung. Diese Steuerungskette nennt man übrigens Transmissionsmechanismus der Geldpolitik. Was ist aber nun der Leitzins? Das hängt interessanterweise davon ab welche Zentralbank man fragt. Wenn man die US Federal Reserve (FED) fragen würde, dann wäre die Antwort ziemlich klar – Leitzins ist eben der kurzfristige Zins, die Federal Funds Rate, den die FED mit ihren Offenmarktgeschäften (Kauf- und Verkauf von Wertpapieren) steuert. Genauer gesagt, ist der Leitzins das von der FED vorgegebene Ziel für die Federal Funds Rate, das die FED aber meistens ziemlich genau trifft. Bei der EZB dagegen ist die Antwort komplizierter. Auf der einen Seite steuert selbstverständlich auch die EZB die Kurzfristzinsen, der Gegenpart zur Federal Funds Rate heißt im Euroraum EONIA. Auf der anderen Seite tut sie das mit einem anderen Instrument als die FED. Die FED benutzt direkte Wertpapiergeschäfte, die auch als Outright Monetary Transactions (OMT) bekannt und ein Anathema für die Bundesbank sind, weil monetäre Staatsfinanzierung, Ihr wisst schon. Die EZB tut es dagegen mit sogenannten Repo-Geschäften. Hierbei kauft auch die EZB Wertpapiere verpflichtet aber den Verkäufer (eine Bank) das Papier zu einem späteren Zeitpunkt zu einem niedrigeren Preis zurückzukaufen. Effektiv leiht die EZB dadurch den Banken Zentralbankgeld zu einem bestimmten Zins (der sich aus der Differenz zwischen dem Kauf- und dem Rückkaufspreis bestimmt) und die Wertpapiere dienen als Sicherheit. Dieser Leihzins aus den Repo-Geschäften ist es, der von den Medien als Leitzins bezeichnet wird. Das Ergebnis der Anwendung der der beiden Instrumente ist aber das gleiche – eine Veränderung der Geldbasis, die wiederum den Kurzfristzins beeinflußt.

Es gibt wohlgemerkt absolut keinen zwingenden Grund warum der Leitzins im FED-Sinne und der Leitzins im EZB-Sinne gleich sein sollten. Während der erste Zins ein kurzfristiges Ziel der Geldpolitik ist, durch welches dann mittel- und langfristige Ziele erreicht werden, ist der zweite Zins bloß ein Parameter der Repo-Geschäfte, und nicht der einzige, durch welche das kurzfristige Ziel zu erreichen ist. Bis vor einigen Jahren allerdings lagen die beiden Zinsen im Euroraum sehr nah beieinander, was daran lag, dass die EZB nicht nur den Repo-Leitzins sondern auch den Umfang der Repo-Geschäfte so einstellte, dass der „FED-style“-Leitzins mit dem Repo-Leitzins zusammenfiel. Bis vor einigen Jahren, aber jetzt nicht mehr:
Hier ist die Grafik, die die Entwicklung des Leitzinses und des EONIA-Zinses (das ist wie schon gesagt, der Analog zur FED Funds Rate im Euroraum) vom März 2006 bis März 2013 darstellt:

Leitzins/Eonia

Wie unschwer zu erkennen ist, waren der EZB-Leitzins und der EONIA-Leitzins bis ca März 2009 weitgehend gleich verlaufen, seitdem aber liegt EONIA deutlich unter dem Leitzins und ist im Moment so ziemlich nah an 0%. Interessant wäre natürlich zu erfahren, ob die EZB ihr kurzfristiges Ziel zwischendurch geändert hat. Wie dem auch sei, da EONIA schon an der 0%-Grenze liegt (wie die FED Funds Rate übrigens auch) ist von einer Änderung des EZB-Leitzinssatzes meines Erachtens nichts zu erwarten, unter 0% können die kurzfristigen Zinsen nun mal nicht fallen – Stichwort Liquiditätsfalle. Den Sparkassenveband kann man jedenfalls beruhigen, schlimmer als jetzt wird es nicht mehr 🙂

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3 Antworten zu “Die EZB und der Leitzins

  1. Die Hysterie viele Poster in Foren vieler Onlinezeitungen war heute.aufgrund der Leitzinssenkung der EZB um 0,25% Punkte auf nun 0,5% erschreckend.
    Natürlich wirken Zinsen unterhalb der Inflationsrate entwertend, aber ein Leitzins von 15% wie in Ghana ist auch nicht besser, wenn ich 20% an jährlicher Inflation habe.
    Quellen: http://www.leitzinsen.info/welt.htm
    http://www.tradingeconomics.com/country-list/interest-rate
    Das die Schweiz, Japan, USA alle niedrigere Leitzinsen haben und Großbritannien ebenfalls seit einiger Zeit seinen Leitzins auf 0,5% gesenkt hat, wird dabei übersehen.

    Manche Sparer überlegen Kapital auf Sparbüchern von australischen Banken anzulegen, da der Leitzins der australischen Notenbank bei 3,0% liegt und sogar noch leicht höhere Guthabenzinsen auf sichere Spareinlagen gegeben werden!
    Aufgrund des flexiblen Wechselkurssystems nach Ende des Bretton Woods wird das Verhältnis von Währungen zueinander durch die Devisenflüsse im Interbankensystem (hier gingen sogar theoretisch Geldkoffer, weil es sich um Banknoten unterschiedlicher Währungen handelt) bestimmt. Legen viele Sparer ihr Geld nun in Ausralien an hätte das den gleichen Effekt, wie eine negative Leistungsbilanz der €urozone mit Australien. (Im einen Fall handelt es sich allerdings um reine Kapitaltranfers, bei der Handelsbilanz gibt es auch Warenströme)
    Daran sehen wir, dass die alte Greenspan Strategie den Leitzins der realwirtschaftlichen Konjunktur anzupassen (im Hoch sparen, im Tief günstige Kredite und Geld in die Wirtschaft antizyklisch und in Aktien investieren) in einer globalisierten Welt nicht mehr funktionieren kann. Unabhängig von Konjunkturhochs und -tiefs kann ich mein Geld immer in Sekundenbruchteilen dorthin verschieben, wo das Verhältnis Leitzins/Inflation am höchsten ist. Zusätzlich wird die Währung aus der Geld abgezogen wurde aufgrund der flexiblen Wechselkurse minimalst geschwächt.

    Veilleicht schrieb ich gerade Blödsinn, dann bitte ich den Autor dieses Blogs um Kritik.

  2. Hallo Herr Elsigan!

    „Die Hysterie viele Poster in Foren vieler Onlinezeitungen war heute.aufgrund der Leitzinssenkung der EZB um 0,25% Punkte auf nun 0,5% erschreckend.“

    Dazu kann man nur sagen – Grundrecht auf hohe Zinsen gibt es nicht.

    „Manche Sparer überlegen Kapital auf Sparbüchern von australischen Banken anzulegen, da der Leitzins der australischen Notenbank bei 3,0% liegt und sogar noch leicht höhere Guthabenzinsen auf sichere Spareinlagen gegeben werden!“

    Na, ich weiß nicht. Was man bei Zinsen gewinnt verliert man durch das Wechselkus-Risiko und wo das nächste Island lauert weiß man auch erst im Nachhinein.

    „Legen viele Sparer ihr Geld nun in Ausralien an hätte das den gleichen Effekt, wie eine negative Leistungsbilanz der €urozone mit Australien. (Im einen Fall handelt es sich allerdings um reine Kapitaltranfers, bei der Handelsbilanz gibt es auch Warenströme)“

    Leistungsbilanz + Kapitaltransferbilanz+Devisenbilanz = 0

    Legen also viele Sparer Ihr Geld in Australien an, Müssen die Leistungsbilanz oder die Devisenbilanz sinken (siehe mein Beitrag zur Target2-Salden). Das passiert wahrschenlich schlicht durch die Aufwertung des australischen Dollars – und damit sind die Zinsen wieder futsch – siehe oben.

  3. Pingback: Die EZB und ihre zwei Leitzinssätze | Saldenmechanik

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