Wirtschaftswurm und der negative Multiplikator

Der Blogger Wirtschaftswurm hat sich in die Debatte um die Reinhard-Rogoff-Studie und die jetzt diskreditierte magische 90%-Grenze bei der Staatsverschuldung eingeschaltet. Wie von jemanden, der Keynesianer hasst, nicht anders zu erwarten wäre, greift er in der ersten Hälfte seines Beitrags die keynesianische Wirtschaftspolitik im Allgemeinen und die deutschen Keynesianer im Besonderen an. Zitat:

Wer glaubt, Schuldenmachen sei ein wichtiges Mittel, um die Wirtschaft zu stimulieren, dem war eine feste Obergrenze wie die 90-%-Quote ein Dorn im Auge.

So weit also nichts besonderes. Interessant wird es aber im zweiten Teil, wo Wirtschaftswurm gleichsam im Vorbeigehen eine eigene Theorie für die negative Korrelation zwischen Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum entwickelt. Zitat:

Machen wir uns dazu einmal klar, warum staatliche Schulden überhaupt einen negativen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben können. Was ist das Bindeglied zwischen beiden? Richtig, der Zins. Braucht der Staat viele Anleihen, erhöht das die Kreditnachfrage und nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage steigen die Zinsen allgemein. Bei hohen Zinsen werden aber die Unternehmen und die Privathaushalte ihre Kreditnachfrage reduzieren. Sie werden dann auch weniger investieren bzw. konsumieren. Dies beeinflusst das Wirtschaftswachstum negativ.

Wenn man das Zitat genauer durchliest, dann wird einem schnell klar, dass zwischen Wirtschaftswurm und Keynesianern tatsächlich Welten liegen, denn Wirtschaftswurm behauptet mit seinem Statement nichts anderes als die Existenz eines negativen Staatsausgabenmultiplikators. Mit anderen Worten, er sagt uns, dass eine (schuldenfinanzierte) Staatsausgabenerhöhung zu einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts führen kann. Das ist allerdings etwas, was das keynesianische IS-LM-Modell, welches angehende Makroökonomen (also zu seiner zu seiner Zeit auch Wirtschaftswurm, der ja ein Diplom-Volkswirt ist) im Grundstudium pauken, definitiv ausschließt. Um das zu verstehen, reicht bereits ein Blick auf das vielen sicherlich vertraute IS-LM-Diagramm:

IS-LM-Diagramm

Einer Erhöhung der Staatsausgaben (schuldenfinanziert oder nicht) entspricht in diesem Diagramm eine Verschiebung der IS-Kurve nach oben und rechts. Das führt zum Einen, wie Wirtschaftswurm auch korrekterweise sagt, zu einer Erhöhung des Zinsniveau und zum Anderen zur einer Output-Erhöhung. Da die LM-Kurve steigend verläuft, ist die Output-Veränderung immer nicht negativ, der genaue Umfang hängt von der Neigung der LM-Kurve ab.

Mir persönlich ist kein theoretisches Modell bekannt, aus dem ein negativer Staatsausgabenmultiplikator abgeleitet werden könnte (ich bin aber auch nur ein Freizeitökonom). Möglicherweise weiß Wirtschaftswurm an der Stelle mehr und wollte es bloß nicht verraten. Der amerikanische Ökonom Alberto Alesina hat allerdings vor einigen Jahren den negativen Staatsausgabenmultiplikator ökonometrisch belegt, oder zumindest so behauptet. Seine Arbeit diente, ähnlich der Arbeit von Reinhard-Rogoff als Begründung für die Austeritätsprogramme in Großbritanien und Europa und wird mittlerweile genauso stark angezweifelt. In jedem Fall sprechen die Ergebnisse der Austeritätsprogramme nicht gerade für Alesinas Theorie (oder auch für die von Reinhard-Rogoff).

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7 Antworten zu “Wirtschaftswurm und der negative Multiplikator

  1. Denk mal die LM Senkrechte nach unten verlängert bis in den negativen Zins.

  2. Pingback: Konsequenzen eines Excel-Fehlers: Revision und Rechtfertigung | Wirtschaftswurm

  3. Hier
    http://www.makroo.de/Das%20keynesianische%20Modell/Der%20Geldmarkt/Die%20LM-Kurve.htm
    mal ein bischen rumklicken – vielleicht bringt es Freude und Ideen.

  4. zum gedanklichen weiterentwickeln
    http://www.makroo.de/Das%20keynesianische%20Modell/ISLM/IS-LM%20-%20Komparative%20Statik.htm
    versuchen wir unsere eigene Politikwahl zu beschreiben

  5. Danke, wie das IS-LM-Diagramm funktioniert weiß ich inzwischen, aber was „die LM Senkrechte nach unten verlängert bis in den negativen Zins“ bedeutet, weiß ich immer noch nicht. In ihren Links jedenfalls kommen negative Zinsen nicht vor, was auch irgendwie logisch ist, wer würde denn Geld zu einem negativen Zins anlegen, wenn er es einfach behalten kann.

  6. Zinsen (Flows) münden in Vermögen (Socks) Inflation und Wertberichtigung beeinflussen die Erwartungen – auch bei negativen Entwicklungen wie Schuldenschnitten und negativen Realzinsen.

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